Anleihen

In Russland ist noch immer Vorsicht geboten

By Shamaila Khan 19. Mai 2015
In Russland ist noch immer Vorsicht geboten

Moskau, gewöhnlich eine der lebhaftesten Städte Europas, erschien bei einem meiner Besuche jüngst wie zum Schutz in sich zurückgezogen. Die Wirtschaftsbedingungen in Russland haben sich zwar einigermaßen stabilisiert, unserer Ansicht nach werden sie jedoch noch gewisse Zeit schwierig bleiben.

Als wir das Land kürzlich besuchten, sahen wir die Auswirkungen, die die internationalen Sanktionen und der gesunkene Ölpreis auf die russische Wirtschaft hatten. Restaurants und Einkaufszentren waren nicht so belebt wie sonst. Einige Werbeflächen in Moskau waren leer. Selbst die legendären Verkehrsstaus, die normalerweise die weitläufigen Boulevards und Treffpunkte der Hauptstadt verstopfen, hatten nachgelassen.

Seitdem haben sich die Bedingungen etwas verbessert, und der Ölpreis konnte seine jüngsten Verluste teilweise wieder gutmachen. Er liegt jedoch deutlich unter dem Niveau, das während der letzten Jahre vorgeherrscht hatte. Derweil erschweren es die Sanktionen gegen Russland aufgrund seiner Rolle in der Ukraine-Krise und eine Bankenkrise den Banken und von der einheimischen Wirtschaft abhängigen Unternehmen, Finanzierung sicherzustellen.

Dazu kommt noch, dass das hohe politische Risiko aufgrund der jüngsten Ermordung des Oppositionspolitikers Boris Nemzow noch gestiegen ist. Und niemand weiß, wie lange der Waffenstillstand in der Ukraine wirklich hält. All das macht es schwer, die Dinge im positiven Licht zu sehen.

Bankensystem nach wie vor anfällig

Einigen Anlegern ist womöglich nicht ganz bewusst, wie anfällig das Bankensystem ist und wie kurz das Land vor einem Ansturm auf die Banken stand. Im Dezember verzeichnete eine der größten Banken des Landes den bislang umfangreichsten Abzug von Einlagen in seiner Geschichte.

Leider verlieren einige der positiven Bereiche der Wirtschaft durch die Anfälligkeit des Bankensystems an Leuchtkraft. Russischen Exporteuren etwa geht es sehr gut, und sie entwickeln sich schnell zu den weltweit kostengünstigsten Herstellern.

Russland verfügt zudem noch immer über umfangreiche Devisenreserven. Bislang ist die Regierung daher in der Lage, Zahlungen auf fällige Auslandskredite russischer Banken und Unternehmen zu begleichen. Die Bereitschaft zu zahlen ist in der Tat hoch: Rosneft hat in den letzten Monaten Schulden in Milliardenhöhe beglichen.

Sollte diese Situation jedoch zu lange anhalten, werden sich die Kosten für die Regierung summieren. Bankenvorstände, mit denen wir sprachen, machten deutlich, dass höhere Zinssätze zu einem Anstieg der Unternehmensausfälle und notleidenden Kredite führen werden. Angesichts dessen überrascht es nicht, dass Moody’s und S&P zum ersten Mal seit zehn Jahren das Rating für russische Staatsanleihen auf Junk-Status herabstuften.

Einige der ausländischen Anleiheninhaber, mit denen wir in Russland sprachen, waren vorsichtig optimistisch. Manchen zufolge könnten Ausfälle weniger wahrscheinlich sein, wenn ein Großteil der russischen Unternehmensanleihen in einheimischem Besitz sei. Wir hörten zudem, dass einheimische Unternehmen einem Ausfall kritisch gegenüberstehen, weil sie befürchten, dass dies den zukünftigen Zugang zu westlichen Märkten gefährdet.

Wie uns russische Anleger und Unternehmensvorstände jedoch auch sagten, müssen sich die Dinge schnell ändern. Präsident Wladimir Putin ist zwar nach wie vor beliebter denn je, allerdings sind Kontaktpersonen vor Ort auch sehr besorgt über die Nachhaltigkeit seiner Strategien.

Bislang hält der Waffenstillstand in der Ukraine – aber er ist nach wie vor brüchig. Russische Anlagen haben sich von ihren Tiefs erholt und jüngst überdurchschnittlich entwickelt. Die geopolitischen Unsicherheiten, das Risiko eines erneuten Rückgangs des Ölpreises sowie die Anfälligkeit des Bankensektors sind weiterhin sehr beunruhigend.

Unternehmensanleihen der Emerging Markets nach wie vor attraktiv…

Natürlich sind die Probleme, vor denen Russland steht, keinesfalls ein Grund dafür, vor Unternehmensanleihen der Emerging Markets (EM) insgesamt zurückzuschrecken. Unternehmensanleihen der Emerging Markets etwa, deren Umsätze an den US-Dollar gebunden sind, können durchaus von den stabilen globalen Wachstumsaussichten und der Abwertung der Währung profitieren. Die Fundamentaldaten des Sektors sind allgemein stark, und das Verhältnis zwischen Risiko und Rendite ist verglichen mit anderen Sektoren attraktiv.

Die hier geäußerten Einschätzungen und Meinungen sind weder Analysen noch dienen sie als Investmentberatung oder Anlageempfehlung. Sie geben nicht notwendigerweise die Ansichten aller Portfoliomanagementteams von AB wieder.

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